Historische Aspekte zur aktuellen Diskussion ueber Bewerten und Zensieren im Sportunterricht

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Bibliographic Details
Author:Peiffer, Lorenz
Editor:Gissel, Norbert
Published in:Sportliche Leistung im Wandel. Jahrestagung der dvs-Sektion Sportgeschichte vom 22.-24. 9 1997 in Bayreuth
Published:Hamburg: Czwalina (Verlag), 1998, 1998. S. 111-124, Lit., Lit.
Format: Publications (Database SPOLIT)
Publication Type: Compilation article
Media type: Print resource
Language:German
ISBN:3880203229
Keywords:
Online Access:
Identification number:PU199906400087
Source:BISp

Abstract

Ausgehend von der aktuellen Diskussion um die Leistungsmessung und -beurteilung des schulischen Sportunterrichts geht Verf. im Rahmen einer kurzen historischen Analyse der Frage nach dem Wandel und der Kontinuitaet der Funktion und Praxis der Turn- und Sportzensur der letzten 150 Jahre nach. Mit Beginn der staatlichen Schulpflicht in Preussen Ende des 18. Jahrhunderts wurde gleichzeitig die Feststellung der schulischen Leistungen mit Hilfe von Zensuren und Zeugnissen eingefuehrt. Verf. zeigt, dass seit dieser Zeit die Praxis der Leistungsmessung in der Leibeserziehung sowie ihre Umformung und Fixierung in Form von Zensuren und Zeugnissen einer staendigen Diskussion unterworfen war. Dabei wird deutlich gemacht, dass die unterschiedlichen Wege der Leistungserhebung eng mit den jeweilig vorherrschenden Bildungs- und Erziehungsverstaendnissen der verschiedenen Zeitabschnitte korrespondierten. Die von den fuehrenden preussischen Turnpaedagogen gefoerderten staatlichen Erziehungsaufgaben wurden in erster Linie mit der Funktion der Leistungskontrolle sowie mit einer drillmaessigen Disziplinierung im Turnunterricht verbunden. Die Zensuren wurden an preussischen Schulen seit 1842 in einer einmaligen Pruefung ermittelt und hatten noch keine besondere Bedeutung fuer das individuelle Fortkommen der Schueler. Adolf Spiess forderte zwar eine Gleichsetzung des preussischen Turnunterrichts mit den geistigen Faechern durch die Zensurengebung, jedoch regte sich bereits in den Anfaengen des Schulsports frueh Widerstand an den Koenigstaedtischen Realschulen gegen diese Vorstellungen. Die mangelnde gesellschaftspolitische Anerkennung des Turnunterrichts als gleichwertiges Bildungs- und Erziehungsmittel der damaligen Zeit sollte in den folgenden 150 Jahren eine immerwaehrende Konstante in den bildungspolitischen Diskussionen bleiben - mit Ausnahme der Zeit des Nationalsozialismus. Nach dem Ersten Weltkrieg veraenderte sich dann die Situation des Schulturnens. Der Durchbruch der Spiel- und Sportbewegung zu einem Massenphaenomen machte in den 20er Jahren dann an den oeffentlichen Schulen eine differenzierte Bewertung unter Einbeziehung der individuellen sportlichen Leistungsfaehigkeit der Schueler moeglich, die Turnzensur als Leistungsnote wurde eingefuehrt. Die Durchschnittsleistungen wurden auf der Grundlage der bei den Turnfesten erbrachten Leistungen errechnet. Mit der Machtuebernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933 erhielt der Turnunterricht dann eine rassistisch begruendete paramilitaerische Auslese- und Zuchtfunktion mit dem Ziel der Sicherung des deutschen Volkes. Mit der Einfuehrung der "Richtlinien fuer die Leibeserziehung an Jungenschulen" im Jahre 1937 rueckte der schulische Turnunterricht an die erste Stelle der Zeugnislisten. Der langwaehrende Traum vieler Turnlehrer von der Gleichstellung ihres Faches mit den geistigen Faechern in der Schule hatte sich damit endlich erfuellt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs spielte der Turnunterricht zunaechst nur eine untergeordnete Rolle. Erst zu Beginn der 60er Jahre setzte sich im Zuge der didaktischen Diskussionen um die Ziele und Aufgaben des Sportunterrichts zunehmend die Frage nach der Leistungsmessung und -beurteilung wieder durch. Lemmer