Kampfsport als Katalysator und Instrument gesellschaftlicher Ideologien

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Bibliographische Detailangaben
Autor:Meyer, Martin Joh.
Erschienen in:Journal of martial arts research
Veröffentlicht:3 (2020), 2 (Nachdrucke veröffentlichter Beiträge der dritten Jahrestagung der dvs-Kommission 'Kampfkunst und Kampfsport' 2013), [12 S.], Lit.
Format: Literatur (SPOLIT)
Publikationstyp: Zeitschriftenartikel
Medienart: Elektronische Ressource (online)
Sprache:Deutsch
ISSN:2567-8221
DOI:10.15495/ojs_25678221_32_139
Schlagworte:
Online Zugang:
Erfassungsnummer:PU202106004317
Quelle:BISp

Abstract des Autors

Die Geschichte zeigt, dass viele unbewaffnete Kampfkünste zivilen Ursprungs sind. Vor allem in China waren Kampfkunstgruppen eng verbunden mit subversiven Geheimbünden, deren Netzwerke sich beispielsweise im Boxer-Aufstand offenbarten. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts, dem Jahrhundert der Ideologien, wurden viele Kampfkünste von einer Rebellenkultur in die nationalistischen Staatsideologien übertragen. In Japan verkamen nach dem Ende der Meiji-Restauration Jūjutsu, Jūdō und Karatedō zu einem kriegsdienlichen Wehrsport und auch in Deutschland wurden Boxen und Jiujitsu ähnlichen Zwecken unterworfen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnten sich viele Kampfkünste von ihrer ideologischen Instrumentalisierung erfolgreich entlasten, indem sie im globalen (z.B. Karatedō) oder regionalen (z.B. Sumō) Sportverständnis aufgingen und sich als traditionelles Element der übergeordneten Gesellschaftskultur redefinierten. Einige Gesellschaften verstehen mittlerweile ihre indigenen Kampfsportarten als bedeutendes patriotisches Kulturgut bzw. Nationalsport, z.B. Capoeira in Brasilien, Taekwondo in Korea oder Muay Thai in Thailand. Vor allem in sozialistischen Staaten hingegen wurde der Kampfsport ideologisch neu magnetisiert: Mit den Wushu entstand im kommunistischen China ein Zusammenschluss traditioneller chinesischer Kampfsportarten, der sich vor allem auf akrobatische Effekte konzentrierte und sich vermehrt von seinen kampfpraktischen (und damit sektiererischen) Wurzeln entfernte. In der DDR wurden die Kampfsportarten zur ideologischen Jugenderziehung genutzt und z.T. auch als vormilitärischer Wehrsport instrumentalisiert.