Zum Problem der Inkommensurabilität bei der interdisziplinären Theoriebildung

Saved in:
Bibliographic Details
Author:Haverkamp, Nadja
Published in:Ze-phir
Published:9 (2002), 1 (Neues Hochschulrahmengesetz), S. 18-25, Lit.
Format: Publications (Database SPOLIT)
Publication Type: Journal article
Media type: Print resource Electronic resource (online)
Language:German
ISSN:1438-4132, 1617-4895
Keywords:
Online Access:
Identification number:PU201009006641
Source:BISp

Abstract

Dem Problem der Inkommensurabilität wird z. Z. in der Sportwissenschaft eine hohe Bedeutung beigemessen und entsprechend häufig wird es Bemühungen um Interdisziplinarität entgegengestellt. Ungeachtet der institutionellen Bedingungen für die Entwicklung und Entfaltung des sportwissenschaftlichen Nachwuchses kann der Einwand der Inkommensurabilität vor allem die Einheit der Sportwissenschaft und die interdisziplinäre Theoriebildung betreffen. Allerdings ist die Einheit der Sportwissenschaft ein Ziel mit hohen Ansprüchen, das diese Wissenschaft mit erheblich mehr Problemen konfrontiert als ‚nur’ der (möglichen) Inkommensurabilität von Theorien und Teildisziplinen. Demgegenüber ist die interdisziplinäre Theoriebildung ein relativ konkretes und zielgerichtetes Vorgehen und hoffentlich tragendes Element der zukünftigen sportwissenschaftlichen Forschung. Interdisziplinäre Theoriebildung anlässlich konkreter Forschungsfragen impliziert weder die generelle Einheit der Sportwissenschaft noch eine „Unifikations-Rhetorik“. Ausschließlich im Zusammenhang mit der interdisziplinären Theoriebildung soll eine Antwort auf die Fragen von Höner (2001) versucht werden: „Ab welcher ‚Distanz’ zwischen zwei Disziplinen ist mit Inkommensurabilitäten zu rechnen? Wie lassen sich diese Distanzen analysieren? Handelt es sich bei dem Beispiel von Heckhausen und Strang (1988) schon um ein ‚Paradigmen-Crash’, bei dem zwei inkommensurable Größen (Laktatkonzentration und Volitionsstärke) miteinander in Beziehung gesetzt werden? Welche Rolle spielt es, dass diese Beziehung auf der Operationalisierungsebene aufgestellt wird?“ Im Fazit ihrer Ausführungen gelangt Verf. zu folgender Schlussfolgerung: Um Inkommensurabilität (bzw. Kommensurabilität) adäquat auf die interdisziplinäre Theoriebildung anwenden zu können, ist dieser Aspekt aus dem Phasenmodell (dem Hauptbestandteil der Kuhnschen Wissenschaftsphilosophie!) herauszulösen. Damit gehen Einzelaspekte – wie Theoriewahl, Reduzierbarkeit – verloren. Weiterhin sollte aufgrund mangelnder Schärfe und Handhabbarkeit auf die Begriffe „Paradigma“ und „wissenschaftliche Gemeinschaft“ verzichtet werden, so dass sich die Diskussion auf Theorien als Untersuchungseinheiten einigen könnte. Als einziges Kriterium für Inkommensurabilität bleibt lediglich der Aspekt der Übersetzbarkeit übrig. Unter diesem Aspekt lässt sich schließlich ein gemeinsames Verständnis von Distanz und Inkommensurabilität herstellen: Bei völliger Verschiedenheit von Gegenstandsbereich und Sprache (größtmögliche Distanz) können sich Theorien nur ergänzen, sich aber nicht nicht vertragen. Ob eine Verbindung solcher Theorien sinnvoll und möglich ist, ist keine Frage von Kommensurabilität. Probleme tauchen bei „etwa gleichem Gegenstandsbereich“ verbunden mit Ähnlichkeiten in der Sprache auf und zwar hinsichtlich zweier Dimensionen: 1. Anzahl der gleichen Begriffe und 2. Ausmaß der Bedeutungsverschiedenheiten bzw. damit einhergehend das Ausmaß der Unübersetzbarkeit. Ausgehend von der größtmöglichen Distanz nähern sich zwei Theorien bei steigender Anzahl gleicher Begriffe an. Andererseits ist die Distanz als umso größer aufzufassen, je gravierender die Bedeutungsverschiedenheiten sind. Damit ist das Verhältnis von Distanz zur ersten Dimension umgekehrt und zur zweiten direkt proportional. Inkommensurabiltät besteht eher bei einer großen Anzahl gleicher Begriffe (direkte Proportionalität) und erhöht sich zusätzlich mit zunehmenden Bedeutungsverschiedenheiten (direkte Proportionalität). Die Proportionalität zwischen Distanz und Inkommensurabilität ist bzgl. der beiden Dimensionen somit nicht einheitlich. Nach dieser Darstellung tragen pauschale Inkommensurabilitätseinwände bei jeglicher Form der Verknüpfung von interdisziplinären Elementen (Größen, Modellen etc.) nicht mehr. Statt dessen ergeben sich konkrete Hinweise für die Prüfung von Einzelfällen und Aufdeckung von Inkommensurabilitäten bzw. deren Vermeidung und Verringerung (indem man z. B. an der Übersetzung feilt). Denkbar ist ein Abarbeiten folgender Fragen: 1. Enthalten die zu überprüfenden Theorien gleiche Begriffe? 2. Sind diese schon explizit unterschiedlich definiert, oder gehen aus dem Sprachzusammenhang Bedeutungsunterschiede hervor? 3. Ist eine adäquate Übersetzung mit tragbaren Verlusten möglich? Schiffer (unter Verwendung wörtlicher Textpassagen)