Die "goldenen" fünfziger Jahre - Wendezeit des Fußballgeschehens in Mitteleuropa

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Bibliographic Details
Author:John, Michael
Published in:"Elf Freunde müsst ihr sein!": Einwürfe und Anstöße zur deutschen Fußballgeschichte
Published:Freiburg i. Br.: Haug (Verlag), 1995, S. 119-126, Lit.
Editor:Geschichtswerkstatt e. V.
Format: Publications (Database SPOLIT)
Publication Type: Compilation article
Media type: Print resource
Language:German
Keywords:
Online Access:
Identification number:PU200608002033
Source:BISp

Abstract

Wie in kaum einer anderen Phase hat sich der Fußballsport in den 1950er Jahren strukturell verändert und zunehmend auch Einfluss auf das nationale Selbstbewusstsein vieler Staaten gewonnen. Die Rede ist in diesem Beitrag hinsichtlich dessen von der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und Ungarn. Der Spielbetrieb wurde in diesen Ländern sogleich nach Kriegsbeginn wieder aufgenommen, wobei von der Spielphilosophie her zunächst an die Vorkriegszeit angeknüpft wurde. Da sich binnen kurzem die Stadien wieder füllten, stand der Spielbesuch im Feizeit- und Unterhaltungssektor der Männer bald nahezu konkurrenzlos da. Zwar zählten Deutschland, Ungarn und Österreich bereits Ende der 1940er Jahre zu den bessere Teams in Europa, aber die Möglichkeiten, an international besetzten Turnieren teilzunehmen oder solche auszurichten und entsprechend Reputation zu gewinnen, waren damals noch eingeschränkt. Alle drei Länder verzichteten auf die Teilnahme an der WM 1950 in Brasilien auf Grund fehlender Geldmittel. Die erste Chance, in einem bestens besetzten Feld starten und vielleicht reüssieren zu können, bot sich 1954 bei der WM in der Schweiz. Dieses Turnier stand auch insofern unter besonderem Vorzeichen, weil alle Spiele erstmals im Fernsehen übertragen wurden, womit eine neue Medien-Ära eingeleitet wurde. Darüber hinaus schienen sich für die Bevölkerung aller drei Staaten, die sich mehrheitlich doch als die Besiegten des Zweiten Weltkriegs empfanden, hier potenzielle Kompensationsmöglichkeiten aufgestauter Unterlegenheitsgefühle zu eröffnen, zumal es persönliche Erfolgserlebnisse in der Mangelgesellschaft der Nachkriegszeit noch nicht auf breiter Ebene gab. Entsprechend hoch waren von Anfang an die Erwartungshaltungen. Insgesamt kommt Verf. zu der Auffassung, dass die Wandlungen des mitteleuropäischen Fußballs in den 1950er Jahren zu Recht als Symptome einer Wendezeit begriffen werden können. Als eine der ersten europäischen Mannschaften orientierte sich die deutsche schon sehr bald in Richtung ‚Spezialisierung der Spieler’, ‚körperliche Leistungsfähigkeit’, ‚taktische Effizienz’ und Professionalität. Im kommunistischen Ungarn, aber auch in Österreich lief die Entwicklung in anderen Bahnen weiter. Obgleich hier ebenfalls eine marktwirtschaftlich orientierte Gesellschaftsstruktur vorgegeben war, dominierte im Sport in den 1950er Jahren und sogar noch darüber hinaus entweder eine bis heute spürbare, fast bildungsbürgerlich anmutende Fair-Play-Kultur, die eine Kommerzialisierung nur recht beschränkt zulassen wollte, oder aber eine sozialdemokratische Orientierung, die an die Werte der Zwischenkriegszeit anknüpfte. Es handelte sich hierbei letztendlich um Residualkategorien, die allerdings eine lange Lebensfähigkeit bewiesen. Schiffer (unter Verwendung wörtlicher Textpassagen)