Handstandvermittlung im Turnen

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Author:Rohleder, Jonas; Vogt, Tobias
Published in:Impulse
Published:24 (2019), 2, S. 6-13
Format: Publications (Database SPOLIT)
Publication Type: Journal article
Media type: Print resource Electronic resource (online)
Language:German
ISSN:2192-3531
Keywords:
Online Access:
Identification number:PU202002000995
Source:BISp

Abstract of BISp

Der Handstand auf dem Boden ist das entscheidende Basiselement des Turnens. Bereits bei grundlegenden turnerischen Bewegungen (z. B. Rad) wird der Handstand dynamisch durchlaufen und verkörpert im Leistungssport gerätübergreifend die Ausgangs- und Endposition dynamischer Bewegungen. Ein guter Handstand definiert sich aus sportmotorischer Perspektive primär durch zwei Charakteristika: 1. Die Qualität der linearen Körperposition; 2. die Aufrechterhaltung der Balancekontrolle. Die gegenwärtige Literatur zur methodischen Heranführung an den Handstand liefert einerseits ein breites Repertoire an Trainingsübungen, deutet andererseits jedoch darauf hin, dass der Ausprägung der linear stabilisierten Körperposition im Handstand oberste Priorität einzuräumen ist. Ein durch Aufrichtung des Beckens stabilisierter Bein-Rumpf-Winkel sowie ein geöffneter Arm-Rumpf-Winkel stehen im Fokus. Dieser Ansatz wird in der Trainingspraxis üblicherweise durch Feedback (verbal und/oder taktil) und explizite Instruktionen (z. B.: „Schieb dich raus aus der Schulter“) untermauert. Mit Blick auf das Know-How der Bewegungsvermittlung sind die Vorzüge expliziten Lernens hinsichtlich der Verbalisierung entscheidender Bewegungsmerkmale unbestritten, womit entscheidende Facetten einer mentalen Bewegungsrepräsentation angelegt werden können. Dennoch weisen Studien darauf hin, dass explizite Hinweise bereits automatisierte motorische Abläufe Fortgeschrittener beeinträchtigen können. In Anbetracht dieser Ausgangslage ist zu hinterfragen, ob diese Methodik zur Verbesserung einer ganzheitlichen Handstandleistung innerhalb kurzer Zeit ausreicht. Und welche Rolle spielt das Training der Handgelenkmuskulatur, zumal auch die Aufrechterhaltung der Balancekontrolle charakteristisches Merkmal guter Handstände ist und die Hände als Schnittstelle zwischen Körper und Boden fungieren? Die Handstandcharakteristik von Turnnovizen thematisierende Studien sind rar und beziehen sich lediglich auf die Eruierung der Wirksamkeit verschiedener Feedbackstrategien. Verschiedene Studien mit fortgeschrittenen Turnern untersuchten jedoch die biomechanischen Merkmale zur Aufrechterhaltung der posturalen Kontrolle im Handstand auf dem Boden. Es gilt als belegt, dass die Aufrechterhaltung der Balancekontrolle bei sportmotorisch hochwertigen Handstandleistungen primäre Aufgabe der handgelenkumspannenden Muskulatur ist („wrist strategy“). Erst im Fall größerer Balancestörungen, für deren Ausgleich die im Handgelenk erzeugten Drehmomente nicht ausreichend sind, werden höher gelegene Gelenke für Ausgleichskorrekturen hinzugezogen. Die „shoulder strategy“ bzw. „hip strategy“ kennzeichnen somit Handstände von Turnern niedrigeren Niveaus. Mit Blick auf den Lehrinhalt der Handstandvermittlung ist somit aus biomechanischer Sicht Folgendes festzuhalten: Anzustreben ist der Balancemechanismus der „wrist strategy“, bei dem der Körper als ein Segment stabilisiert um diejenige Gelenkpartie als invertiertes Pendel rotiert, die der Unterstützungsfläche inferior am nächsten gelegen ist. Vor diesem Hintergrund widmet sich die hier beschriebene Studie der Frage nach praktischen Effekten eines expliziten Coachings zur „wrist strategy“ auf die sportmotorischen Handstandleistungen (Qualität der Handstandposition, Aufrechterhaltung der Balancekontrolle) bei Turnanfängern unterschiedlichen Ausgangsniveaus. Ausgangspunkt sind dabei folgende Hypothesen: 1. Weniger qualifizierte Turnanfänger zeigen im Vergleich zu qualifizierteren Turnanfängern eine verlängerte Verweildauer (Balancezeit) im Handstand. 2. Weniger qualifizierte Turnanfänger zeigen im Vergleich zu qualifizierteren Turnanfängern eine verbesserte Qualität der linearen Handstandposition. Im Nachgang des durchgeführten spezifischen Trainings zur „wrist strategy“ zeigten weniger qualifizierte Turnanfänger im Nachgang der Intervention sowohl verbesserte Balancezeiten im Handstand als auch eine verbesserte Qualität der Handstandposition. Schiffer (unter Verwendung wörtlicher Textpassagen)