Funktionelle Stabilität des Kniegelenkes nach Rekonstruktion des vorderen Kreuzbandes an Fußballspielern : eine Studie zur Entwicklung eines praxisgerechten Diagnoseverfahrens zur Verlaufskontrolle bewegungstherapeutischer Maßnahmen

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Bibliographic Details
Author:Richter, Lutz
Published:Leipzig: 2009, 228 S. , Lit.
Research institution:Universität Leipzig / Sportwissenschaftliche Fakultät
Format: Publications (Database SPOLIT)
Publication Type: Book
Media type: Electronic resource (online) Print resource
Document Type: Doctoral thesis Grey literature
Language:German
Keywords:
Online Access:
Identification number:PU201010007884
Source:BISp

Abstract

Die vorliegende Studie verfolgte das Ziel der Entwicklung und Erprobung eines praxisgerechten Diagnoseverfahrens zur Verlaufskontrolle bewegungstherapeutischer Maßnahmen für Fußballspieler nach Operation des vorderen Kreuzbandes. Dies war notwendig, weil aufgrund der hohen Wiederverletzungsrate in der Sportart Fußball (vgl. Bizzini 2000, 79; Sankawa 2006, 100; Walden et al. 2006, 162) Verunsicherungen bezüglich der Aussagekraft der bisher angewandten Verfahren zur Quantifizierung des Rehabilitationsstandes bestehen (vgl. Bizzini 2000, 70; Freiwald 2000, 119). In der therapeutischen Praxis stellt die Analyse des „motorischen Outputs“ eine etablierte Methode der Evaluation des aktuellen Rehabilitationsstandes des operierten Kniegelenkes dar (vgl. Wilke 2000, 8). Dabei werden aus der Beobachtung der femorotibialen Beinachsen mit bloßem Auge bzw. mittels videobasierter Bewegungsanalyse Aussagen zur funktionellen Kniegelenkstabilität getroffen. Aus Unsicherheit hinsichtlich der Validität dieser so gewonnenen Daten wurde in der Voruntersuchung überprüft, ob die auf die Haut applizierten Markerpunkte die Bewegungen der femorotibialen Beinachsen adäquat repräsentieren können. Aus Vergleichen mit dem „Gold-Standard“ (Röntgenanalyse) wurden Einschränkungen zur Validität, Reliabilität und Aussagekraft dieser Beobachtungsverfahren offensichtlich. Eine deutliche Erhöhung der Validität und Reliabilität wurde durch die Entwicklung eines speziellen femoralen Markerträgers erreicht. In der Hauptuntersuchung ist an 24 unverletzten (Gruppe 1), sowie an 14 am vorderen Kreuzband operierten Fußballerspieler (Gruppe 2) untersucht worden, ob sich aus den femorotibialen Bewegungen des Kniegelenkes in der Frontalebene bei
der Ausführung sportmotorischer Bewegungshandlungen Aussagen zur Stabilität des Kniegelenkes ableiten lassen. Um die Stabilität des operierten Kniegelenkes aussagekräftig quantifizieren zu können, wurde es verschiedenen Provokationen ausgesetzt. Zur Evaluation der statischen Gelenkstabilität kamen die Tests „monopedaler Stand auf dem Therapiekreisel barfuß“ und „monopedaler Stand auf dem Therapiekreisel mit fixiertem Fuß (Skistiefel)“ zur Anwendung. Die dynamische Kniegelenkstabilität wurde durch den Test „Schöpfgang auf einer Langbank“ überprüft. Kinematische Evaluationsvariablen waren dabei maximale femorotibiale Bewegungen und die dabei auftretenden Bewegungstendenzen (Varus/Valgus). Im intraindividuellen und interindividuellen Vergleich mit dem unverletzten Bein entsprechen geringe femorotibiale Bewegungen einer hohen „Stiffness“ des Kniegelenkes, große femorotibiale Bewegungen einer geringen „Stiffness“. Begleitend wurde zu jedem Untersuchungszeitpunkt die subjektive Einschätzung der Kniesituation (Kniefragebogen Sport nach Irrgang) ermittelt und mit den Ergebnissen der kinematischen Analyse korreliert (Korrelation der jeweiligen prozentualen Veränderungen der Testergebnisse im Zeitverlauf). Die Untersuchungsergebnisse der Hauptuntersuchung belegen, dass durch die unterschiedlichen Testsituationen spezifische Reaktionen der Gelenkstabilisierung ausgelöst wurden. Der Einsatz des videobasierten kinematischen Verfahrens ermöglichte es, diese Reaktionen zu quantifizieren und somit langanhaltende therapierelevante Unterschiede in der sensomotorischen Kontrolle des Kniegelenkes aufzudecken. Die Untersuchung identifiziert in Abhängigkeit der Testsituation und des Rehabilitationsstandes unterschiedliche Regulationsstrategien am operierten Kniegelenk. Es wurde deutlich, dass sich in Abhängigkeit von der jeweiligen Regulationsstrategie die Veränderung des sensomotorischen Zustandes sowohl in einer erhöhten, als auch in einer verminderten „Stiffness“ des Kniegelenkes äußern kann. Als Erklärung für die erhöhte „Stiffness“ des Kniegelenkes während der Realisierung der primär statischen Gelenkstabilisation wird die „kreative Kompensation“(vgl. Innenmoser 1998, 130) im Sinne von Redundanzen gesehen. Die verminderte „Stiffness“ des Kniegelenkes bei der Realisierung der dynamischen Gelenkstabilisation ist als Folge nur begrenzt kompensierbarer sensomotorischer Veränderungen zu sehen. Aufgrund einer nur unzureichend verfügbaren Korrektur der femorotibialen Beinachsen werden Instabilitätserscheinungen des operierten
Kniegelenkes bei dieser komplexen Anforderung sichtbar und für den Patienten im negativen Sinn spürbar, obwohl beim Test zur Evaluation der statischen Kniegelenkstabilisation eine hohe Stiffness quantifiziert wurde. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass aus der Evaluation der statischen Gelenkstabilität keine sicheren Aussagen zur dynamischen Gelenkstabilität ableitbar sind. Basierend auf den Ergebnissen von intraindividuellen- und interindividuellen Vergleichen sowie Korrelationsuntersuchungen erweisen sich die Tests „Schöpfgang auf der Langbank“ und „monopedaler Stand auf dem Therapiekreisel mit fixiertem Fuß“ zur Differenzierung der funktionellen Kniegelenkstabilität operierter und unverletzter Personen als geeignet. Es wird erkennbar, dass Funktionsdefizite unter „kontrollierten Bedingungen“ (z.B. statische Einbeinstandstabilität barfuß) häufig nicht sichtbar werden. Entsprechend der von Freiwald et al. postulierten Verhaltensänderungen des operierten Patienten kann durch den Test „monopedaler Stand auf dem Therapiekreisel mit fixiertem Fuß“ quantifiziert werden, ob es dem Rekonvaleszenten gelingt, durch geeignete Strategie den Organismus nicht in Situationen zu bringen, die ihn strukturell gefährden könnten (vgl. Freiwald et al. 1997, 14). Aus dieser Betrachtungsweise erscheint insbesondere für die frühe Rehabilitationsphase das
Anstreben einer erhöhten „Stiffness“ des Kniegelenkes während der Realisierung der primär statischen Gelenkstabilisation anstrebenswert. Eine noch vorhandene „Schonhaltung“ bzw. ein Defizit in der Stabilisierungsqualität wird erst unter Bedingungen deutlich, bei der die Aufmerksamkeit nicht selektiv auf das Bewegungsverhalten des Kniegelenkes fokussiert ist. Weiterhin wurde durch die Untersuchung für die Sportart Fußball das Vorhandensein von Prävalenzen eines dominanten Beines nachgewiesen. Das ist für die Diagnostik verletzter Fußballspieler von großer Bedeutung, da häufig Aussagen zum Rehabilitationsstand aus dem direkten Vergleich mit der unverletzten Extremität abgeleitet werden. Bedingt durch das hohe Verletzungsrisiko in der Sportart Fußball ist eine langfristige therapeutische Begleitung und aussagekräftige Diagnostik nicht nur sinnvoll, sondern zum Schutz des einheilenden Transplantates dringend erforderlich. Verf.-Referat