Fußball und Krise der Männlichkeit in Japan

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Bibliographic Details
Author:Manzenreiter, Wolfram
Published in:Arena der Männlichkeit : über das Verhältnis von Fußball und Geschlecht
Published:Frankfurt a.M.: Campus-Verl. (Verlag), 2006, S. 296-313, Lit.
Format: Publications (Database SPOLIT)
Publication Type: Compilation article
Media type: Print resource
Language:German
Keywords:
Online Access:
Identification number:PU200912007796
Source:BISp

Abstract

Der hohe Frauenanteil in den asiatischen Fußballarenen widerspricht nur bedingt der Annahme, Fußball sei eine Männerdomäne. Vielmehr entspricht er der geschlechtsspezifischen Rollenverteilung der bürgerlichen Gesellschaft: Männer agieren als Akteure auf dem Feld, im Klubmanagement oder in den Sportmedien, während Frauen als Unterstützerinnen auf den Rängen oder hinter den Kulissen aktiv sind. Auch in Japan charakterisiert diese Binarität die Genderlogik im Sportsystem und vor allem die Sportpraxis an den Schulen. Dass der japanische Fußballbund über 3,3 Mio. Mitglieder verzeichnet, von denen lediglich 20.000 Mädchen oder Frauen sind, ist nicht zuletzt auf die genderspezifische Sportsozialisation im Bildungssystem zurückzuführen. So gibt es für Mädchen an den High Schools offiziellen Angaben zufolge keine Fußballklubs. Die jüngeren Mädchen an denselben Schulen wurden erst ab 2001 zum Fußball zugelassen; daher kam im Sportverband der Mittelschulen 2004 ein Verhältnis von 109 Spielern auf eine Spielerin zustande. Verstärkt wird die Assoziierung von Männlichkeit und Fußball oder Sport durch den männlichen Blick der Sportmedien. Wie in praktisch allen anderen Gesellschaften auch, sind Frauen im japanischen Sportbusiness unterrepräsentiert. Gleiches gilt für die Berichterstattung über den Frauensport, vor allem, wenn er in traditionell männliche Domänen hineinfällt. So tragen die japanischen Sportmedien in Darstellung, Aufbereitung und Kommentar zur Verhärtung von Genderstereotypen bei. Dass der Fußball sich in Japan zu einer Domäne der Männlichkeit entwickelt hat, ist Verf. zufolge folgenden beiden Faktoren zu verdanken: erstens einer Krise der hegemonialen Männlichkeit, die eine Art von gesellschaftlicher Nachfrage schuf, und zweitens der Einbettung des Fußballs in eine global operierende Kulturindustrie, die Japans Konsumenten und Konsumentinnen überhaupt erst mit dem Produkt Fußball versorgte. Ob sich im Zuge der warenvermittelten Neuformierung von Männlichkeitsbildern auch in Japan die Grundzüge einer globalen Genderordnung herausbilden, bleibt offen. Für Frauen wurde der Einstieg in die Fußballwelt durch die Verknüpfung mit Fanpraktiken aus anderen popularkulturellen Bereichen erleichtert. Da das explizite „feminine“ Interesse am Männersport, den Körpern seiner Ikonen und ihrem Lebensstil die männlichen Dominanzansprüche zu unterminieren drohte, wurde versucht, „gefährdetes Terrain“ durch abfällige Kritik an den ‚miha’-Fans, der Fraktion der unreifen, unwissenden Fußballnovizinnen, abzusichern. Als „Geheimwaffe im männlichen Rückzugsgefecht“ diente der Empirizismus als Grundlage echten Expertentums, gemäß der Devise: „Man muss schon Fußball gespielt haben, um ihn zu verstehen und überhaupt über ihn reden zu können.“ Insgesamt gelangt Verf. zum Ergebnis, dass der Fußball als „eine vom Establishment akzeptierte und geförderte Form der Popularkultur ganz unterschiedliche Bedeutungen entwickeln [kann] für diejenigen, die ihn organisieren, und diejenigen, die ihn konsumieren oder als Fans unterstützen. Die Fluidität des liminoiden Raums verhindert eine Fixierung von Bedeutung und ermöglicht daher die Reinterpretation der Praxis, auch in einer potentiell subversiven Form, die dem Gendermainstream zuwiderläuft.“ Schiffer (unter Verwendung wörtlicher Textpassagen)