Kritische Anmerkungen zu einer trainingsorientierten Konzeption des Alterssport

Saved in:
Bibliographic Details
Author:Kolb, Michael
Editor:Mechling, Heinz
Published in:Training im Alterssport : sportliche Leistungsfähigkeit und Fitness im Altersprozess ; Symposiumsbericht - Universität Bonn 22. bis 24. Mai 1997
Published:Münster: Hofmann (Verlag), 1998, 1998. S. 158-160
Format: Publications (Database SPOLIT)
Publication Type: Compilation article
Media type: Print resource
Language:German
ISBN:377807900X
Keywords:
Online Access:
Identification number:PU199903308587
Source:BISp

Abstract

Aus einer trainingswissenschaftlichen Perspektive ergeben sich zwei Modelle eines Alterssports. Im ersten Modell, dem Alters-"Sport", wird die wettkampfsportliche Karriere in altersgetrennten Leistungsklassen fortgesetzt. Im zweiten Modell, dem "Alters"-Sport, geht es um die optimale Erhaltung der motorischen Funktionen. In einer gerontologischen Begrifflichkeit liegt dem "Alters"-Sport die Verknuepfung eines "Defizitmodells" mit einem "Plastzitaetsmodell" zugrunde, nach dem die Funktionsfaehigkeit im Alternsverlauf zwar kontinuierlich abnimmt, bis ins hohe Alter aber noch unausgeschoepfte Kapazitaetsreserven fuer Trainingsmassnahmen aller Art vorhanden sind. Verf. kritisiert eine derartige, trainingswissenschaftlich orientierte Konzeption des "Alters"-Sports aus vier Gruenden: 1. Aus der durchaus nachgewiesenen Trainierbarkeit koerperlicher Funktionen im Alter wird ohne weitere Begruendung in einem unzulaessigen Schluss vom Sein aufs Sollen eine leitende Zielsetzung fuer den "Alters"-Sport. Mit einer solchen Konzeption kommt die merkwuerdige Paradoxie zustande, dass es offensichtlich Ziel eines optimalen Alters ist, moeglichst nicht zu altern. 2. Fraglich ist auch, ob durch die deutliche Hervorhebung des Erhalts der koerperlichen Leistungsfaehigkeit als entscheidender Voraussetzung fuer ein "erfolgreiches" Altern dieser Aspekt nicht ueberbewertet wird. 3. Viele Untersuchungen zeigen zwar auch bei aelteren Menschen noch einen Leistungszuwachs durch gezieltes Training. Allerdings verringern sich im normalen Alternsprozess die Anpassungsfaehigkeit und die Funktionsreserven. Die Frage ist nun, ob die abnehmende Funktionskapazitaet und die verminderten Anpassunsreserven durch ein Training nicht so stark belastet werden, dass es auf Dauer zu einer Herabsetzung der Belastungskompensation kommt. 4. Hinter den Empfehlungen koerperlicher Aktivitaeten steckt ein von einem jugendlich-sportlichen Habitus und Vitalitaet durchzogenes Altersbild, dass suggeriert, dass ein solch positives Altern durch sportliche Aktivitaeten erreichbar und konservierbar ist. Der alternde Koerper wird so einem Fitnessbild unterworfen, an das sich Aeltere anpassen muessen, wenn sie ein jugendliches Alter demonstrieren wollen. Alle jene, die dem vorgegebenen Bild eines fitten und leistungsfaehigen Alters nicht gerecht werden koennen oder auch wollen, werden ausgegrenzt und negativ stigmatisiert. Schiffer