Leistungen und Bewegungstechniken von Behinderten in leichtathletischen Disziplinen - Ein systematischer Vergleich von Wettkampfergebnissen und videogestützten Bewegungsbeobachtungen bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft der Behinderten 1994 in Berlin

Sprache: Deutsch
Leiter des Projekts Prof. Dr. Innenmoser, Jürgen Universität Leipzig / Institut für Rehabilitationssport, Sporttherapie und Behindertensport (Tel.: 0341 /7974170)
Mitarbeiter des Projekts Dr. Zimmermann, Simone
Beteiligte Institutionen: Universität Leipzig / Institut für Rehabilitationssport, Sporttherapie und Behindertensport (Forschungseinrichtung)
BMI/BISp (Aktenzeichen: 070704/95) (Finanzierung)
Projektlaufzeit: 01/1995 - 12/1995
Schlagworte: Behindertensport; Bewegungsverhalten; Hochleistungssport; Klassifizierung; Leichtathletik; Leistungssport; Rollstuhlsport; Technik, sportliche; Weltmeisterschaft; Wertung; Wettkampfergebnis; Wettkampfleistung
Erfassungsnummer: PR019950104948
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Zusammenfassung

Die Klassifikation ist im Hochleistungssport der Behinderten die Basis für die Vergleichbarkeit von sportlichen Leistungen und Voraussetzung für einen fairen Wettkampf. Der Vergleich der Klassifikation wird kontrovers diskutiert. Dieses Projekt erstellt mittels der statistischen Analyse eines systematischen Vergleichs verschiedener Bewegungstechniken die Basis für eine Bewertung der Behinderung in Bezug zu der komplexen Wettkampfleistung.

(Zwischen)Ergebnisse

Nachtrag aus BISp-Jahrbuch 1996: Ein Vergleich der Wettkampfergebnisse mit den "qualifying standards" und die Bewertung der Streubreite der Daten in den jeweiligen Klassen und der erzielten Einzelleistungen der Aktiven in den technischen Disziplinen erlaubt Rückschlüsse auf die Qualität der Bewegungsleistungen. Athleten mit einem hohen motorischen Lernniveau sollten stabile koordinative Leistungen erbringen können. Zu unterscheiden sind aber die "Ungenauigkeiten", welche wegen technischer Unzulänglichkeiten ("fortgeschrittener Anfänger") und die, welche durch schädigungsbedingte Vorgänge, wie sie z.B. bei Athetotikern/Spastikern vorkommen, entstehen. Bei letzteren sind "überschießende Bewegungen" oder assoziierte Reaktionen auch bei optimalem Trainingszustand als Störgrößen nicht zu unterbinden. Mit Hilfe der Berechnung der durchschnittlichen Leistungen der Aktiven unterschiedlicher Klassen bei den gleichen Disziplinen können - gleiche Gewichte der Geräte bzw. gleiche technische Hilfsmittel (Rollstühle) vorausgesetzt - Anzeichen gefunden werden, Behinderte mit unterschiedlichen funktionellen Schädigungen in gemeinsamen Wettbewerben starten zu lassen. Man wäre dann auf dem wichtigen Mittelweg zwischen den "offenen" und den zur Zeit noch üblichen engen, schadensklassenspezifischen Wettbewerben. Zusammen mit einer Übereinstimmung des durch Video dokumentierten "movement-potentials" der Personen in der gewählten Disziplin wären Schadensklassen zu streichen und disziplinspezifische "Funktionsklassen" einzurichten. Da bis heute wissenschaftliche Nachweise über die Bedeutung einzelner Funktionsbereiche bzw. über die Bedeutung der Funktionsqualität dieser Bereiche für die Absolvierung einer sportlichen Disziplin - auch bei Nichtbehinderten - fehlen, sind wir auf solche indirekten Schlußfolgerungen angewiesen. Einige Folgerungen aus unseren Daten stimmen mit den Lehrerfahrungen überein. Damit liegen weitere Argumente vor, um disziplinspezifische, (schädigungs-)übergreifende Gruppen einzurichten. Beispiel: Vollblinde sprinteten die 100-m-Strecke auf Zuruf und alleine. Dies ist eine ganz andere Leistung als die des 100-m-Sprinters der Gruppe T 12. Eine getrennte Wertung erscheint gerechtfertigt! Bei den 400-m-Wettbewerben dagegen führt bzw. kann ein "guide" die optische Führung übernehmen, so daß die zu erwartende limitierende aerobe/anaerobe Laufkapazität bei beiden Startern gleichartig zum Tragen kommt. Die Leistungen in den Läufen über 1.500 m und 5.000 m andererseits sind in besonders hohem Maße an eine sehr regelmäßige Trainingstätigkeit gebunden, die sich T 12-Läufer wesentlich leichter ermöglichen können als T 10-Läufer, die immer an einen "guide" gebunden sind. Die in den Hypothesen formulierten Entsprechungen zwischen der Reihenfolge der Leistungen und der Güte des Bewegungsverhaltens bzw. der sportlichen Technik existiert in der Regel nicht! In den technischen Disziplinen gewinnen in den bestehenden Schadensklassen die motorisch oder physisch im Vorteil stehenden Athleten. Die Klassen schaffen also nicht, wie die "Gewichtsklassen" bei Nichtbehinderten ähnliche Bewertungs- und Leistungsbedingungen und sorgen nicht dafür, daß allein die am besten trainierten Athleten gewinnen. Zum Teil sind erhebliche Lernrückstände und Unvollkommenheiten der Technikausführung (Wurf und Stoß aus dem Stand, fehlerhafte Technikausführung usw.) festzustellen, die nicht den Funktionsverlusten zugeordnet werden können, sondern einem noch unvollständigen technischen Trainingszustand. Deshalb konnte lediglich die Hypothese bestätigt werden, daß die ausgeführten sportlichen Techniken (noch) nicht gut genug an die individuellen Schadensmöglichkeiten angepaßt sind. Mit der verwendeten Videotechnik waren die den Wettkampfergebnissen zugrundeliegenden koordinativen Leistungsvoraussetzungen bei den Fahrdisziplinen der Rollstuhlfahrer kaum zu erfassen. Die hier erbrachten Leistungen scheinen mehr von der konditionellen und mentalen Stärke sowie dem Rollstuhlmaterial abzuhängen als von den motorischen Varianten der Schlag-/Antriebstechniken. Mit einer veränderten, höher und besser auflösenden Untersuchungstechnik müßten diese Fragen aber gelöst werden können. In der T 50-(Rollstuhl-)Klasse konnte die zum Bestandteil der Klassifizierung gehörende Befähigung zum mehr oder weniger großen Einsatz des M. biceps brachii zum Antrieb des Rollstuhls, vor allem in den Überholphasen und im "Endspurt" des Zieleinlaufes deutlich demonstriert werden, weil die kinematischen Merkmale der Armbewegung abweichen (vgl. Videosequenz: "Viele Starter sind mir lieber", Leipzig 1995). Ein nicht behebbarer Mangel der Untersuchung war die Unmöglichkeit, die "konditionellen" Leistungszustände und Faktoren wie "Begabung" bzw. die u.U. schon vor der Schädigung erworbenen sportlichen Höchstleistungen in der Disziplin ("Vorerfahrungen") in Erfahrung zu bringen. Wie stark in manchen Disziplinen diese allein leistungsbestimmend sein können, sollte unbedingt später geklärt werden. Daß die recht preiswerte Videotechnik von Veranstaltern auch zur aktuellen Kontrolle der Klassifizierung eingesetzt werden könnte, ist bewiesen. Die Einführung eines funktionellen Klassifizierungssystems wie im Schwimmen ("Blomquist-Konzept") sollten die "Leichtathleten" im IPC nicht nur vorsehen, sondern auch realisieren (vgl. dazu QUADE, 1994). Unsere Daten können bei seiner Entwicklung mithelfen.

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